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Perspective

Ist unser Verständnis von Depression kulturell geprägt?

January 25, 2016| Von Anke Siebers | Life | Deutsch | English

Es gibt unzählige Arten, mit psychischer Belastung umzugehen. Die Depression ist eine weit verbreitete Reaktion, die schwerwiegende Auswirkungen auf die Lebensqualität des Einzelnen haben kann. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass bis zum Jahr 2020 depressive Störungen nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die zweithäufigste Ursache für Invalidität sein werden. Gleichzeitig werde die Suizidrate konstant hoch bleiben.1  Fast 80 % der derzeit insgesamt 450 Millionen Menschen mit psychischen Störungen leiden an einer Depression. Die Lebenszeitprävalenz der Depression unterscheidet sich jedoch stark von Land zu Land.2 Dies zeigt, dass der kulturelle Hintergrund einen wichtigen Anteil daran haben kann, wie Belastungen erlebt werden. Risikoprüfung und Leistungsregulierung stehen Kultur und ethnischer Herkunft eines Antragstellers neutral gegenüber.

Kultur prägt die Vielfalt und Komplexität von Emotionen sowie das Verständnis psychischer Erkrankungen, wie bspw. der Depression. Dies wirkt sich auf die Sprache aus, die zur Beschreibung der Symptome verwendet wird, und beeinflusst das Arzt-Patienten-Verhältnis sowie die Entscheidungen des Arztes über die Behandlung.

Es gibt zwei Arten von Kulturen, die sich in ihrem Fokus auf den Einzelnen bzw. auf die Gesellschaft unterscheiden. Eine große Bedeutung der Familie sowie der Gemeinschaft in Verbindung mit einem festen Gefüge sozialer Unterstützung trägt in kollektivistischen Kulturen möglicherweise zu einem verminderten Auftreten depressiver Störungen bei.3

Psychische Belastung kann in emotionalen oder in körperlichen Begrifflichkeiten ausgedrückt werden. Im DSM-5 (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen) werden Stimmungsveränderungen und ein vermindertes Interesse an Aktivitäten als Hauptsymptome einer „Major Depression“ beschrieben.Körperliche Symptome, die mit der Störung einhergehen, stehen im Hintergrund. In anderen Kulturen werden Belastungen eher somatisiert und als körperliche Symptome, bspw. als „Unwohlsein“, „Schmerz“ oder „Erschöpfung“, ausgedrückt.5

Kultur beeinflusst ebenfalls, ob bei Problemen aktiv nach Hilfe gesucht wird. Nur wenige Gesellschaften ermutigen den offenen Umgang mit psychischen Erkrankungen, und Anti-Stigmatierungskampagnen haben oft nicht den gewünschten Erfolg. Sind psychische Erkrankungen stark stigmatisiert und mit einer Schädigung des Ansehens assoziiert, gehen Betroffene u. U. nicht zum Arzt und würden die Probleme nicht in einem Versicherungsantrag erwähnen.6

Depressive Störungen wie auch Angststörungen können auch eine „normale“ emotionale Reaktion auf negative Lebensereignisse darstellen. Auch dies ist durch die jeweilige Kultur geprägt. Eine Trauerzeit nach dem Verlust eines nahen Verwandten, die sechs Monate überschreitet, wird in einigen Kulturen als übermäßig lang gesehen. In anderen Kulturen würden nur sechs Monate Trauer fast schon als zu wenig Respekt interpretiert werden.

Depression als Ausdruck psychischer Belastung ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels genetischer, biologischer und soziokultureller Faktoren.

 

Endnoten
  1. WHO (2014) Preventing Suicide http://www.who.int/mental_health/suicide-prevention/world_report_2014/en/ (abgerufen October 2015).
  2. WHO (2015). Fact Sheet Depression. http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs369/en/
  3. Nemade, R., Staats Reiss, N., Dombeck, M. (2015) Sociology of Depression – Effects of Culture. https://www.mentalhelp.net/articles/sociology-of-depression-effects-of-culture/
  4. American Psychiatric Association (2015). Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Söturnen DSM-5. Deutsche Ausgabe. Hogrefe: Göttingen. 
  5. Kleinman, A. (2004). Culture and Depression. New England Journal of Medicine, 351:10, 951-953.
  6. Kirmayer, LJ., Rousseau, C., Guzder, J. (2014). Cultural Consultation: Encountering the Other in Mental Health Care. International and Cultural Psychology. Springer: New York.

 

 

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