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Perspective

Risikoleben zu einheitlichen Prämien in allen EU-Mitgliedstaaten: eine gute oder eine schlechte Idee?

April 12, 2016| Von Ulrich Pasdika | Life | Deutsch | English

Region: Europe

Das aktuelle Grünbuch der Europäischen Kommission über Finanzdienstleistungen für Privatkunden1 legt große Unterschiede bei den Prämien für Risikolebensversicherungen in den Ländern der EU offen. Die Kommission hat aufgrund dieser Unterschiede eine einheitliche „gesamteuropäische“ Lebensversicherung zur Diskussion gestellt, die allen Bürgern in der EU zu identischen Bedingungen angeboten werden soll. In diesem Blog wird untersucht, ob eine solche Maßnahme sinnvoll wäre.

Gegenwärtig sind die Prämien von Land zu Land unterschiedlich, was teilweise auf die jeweiligen versicherungs- und steuerrechtlichen Vorschriften zurückzuführen ist. Es stellt sich aber die Frage, ob nicht auch die Streuung der Sterblichkeitsraten in den Mitgliedstaaten unterschätzt wird.

Chart 1

Für eine Analyse der Sterblichkeit wurden die aktuellen Sterbetafeln (Stand: 2013) von Eurostat verwendet.2 Zur Minderung der Schwankungsbreite wurden nur Länder mit mindestens fünf Millionen Einwohnern sowie die durchschnittlichen Sterblichkeitsraten in Altersbändern von jeweils fünf Jahren berücksichtigt. Diese Mortalitätsraten wurden dann mit jenen der Fünfjahresaltersbänder für die EU als Ganzes verglichen, d. h. eine Sterblichkeitsrate von 100 % entspricht der durchschnittlichen Mortalität in der EU.

Aus einer Analyse der Altersspanne 20 bis 65 Jahre, auf die der Hauptanteil des Geschäfts mit Risikolebensversicherungen entfällt, ergeben sich sehr unterschiedliche Sterblichkeitsniveaus in der EU (siehe Grafik 2 mit der Altersgruppe 40 bis 44 als Beispiel). Für einzelne Fünfjahresaltersbänder innerhalb dieser Spanne weisen Dänemark, die Niederlande, Spanien und Schweden bei Männern die niedrigste Mortalitätsrate auf; sie liegt bei 55 % bis 65 % der Sterblichkeitsrate für die EU insgesamt. Die höchsten Raten in der Altersspanne von 20 bis 65 Jahren finden sich in Bulgarien, Ungarn und Polen mit 155 % bis 210 % des EU-Durchschnitts. Wie der Vergleich zeigt, ist die höchste Sterblichkeitsrate bei Männern damit 2,7-mal bis 3,6-mal so hoch wie die niedrigste.

Chart 2

Ab einem Alter von 65 Jahren, wenn die mit dem Alterungsprozess verbundenen Todesursachen zunehmen, gehen die Sterblichkeitsunterschiede in der Regel zurück. Bei Männern in der Altersgruppe 65 bis 84 Jahre belaufen sich die niedrigsten Sterblichkeitsraten in einem einzelnen Mitgliedstaat (Frankreich, Spanien) auf 70 % bis 80 % und die höchsten (Bulgarien, Ungarn) auf 140 % bis 190 % im Vergleich zum Durchschnitt. Folglich sind die Sterblichkeitsunterschiede in dieser Altersgruppe, die einen maßgeblichen statistischen Einfluss auf die Lebenserwartung haben , weniger stark ausgeprägt (der Höchstwert liegt um das 1,8-Fache bis 2,5-Fache über dem niedrigsten Wert).

Es ist beachtenswert, dass die Sterblichkeitsrate bei der männlichen Bevölkerung in der Altersgruppe 75 bis 84 Jahre in Frankreich zwar die niedrigste in der gesamten EU ist, aber bei jedem Fünfjahresaltersband von 20 bis 49 über dem EU-Durchschnitt liegt. In Deutschland wiederum erreicht die Sterblichkeit bei Männern in der Altersgruppe 20 bis 24 Jahre lediglich 66 % des französischen Werts, dafür aber 126 % in der Altersgruppe 80 bis 84 Jahre. Bis zum Alter von 59 Jahren verzeichnet Deutschland bei Männern eine niedrigere Sterblichkeitsrate als Frankreich, obwohl die Lebenserwartung in Frankreich ein halbes Jahr höher liegt. Dieses Beispiel veranschaulicht die großen Unterschiede sowohl im Niveau als auch im Verlauf der Sterblichkeit.

Bei der weiblichen Bevölkerung ist die Tendenz ähnlich, jedoch weniger stark ausgeprägt. Über die gesamte Altersspanne von 20 bis 65 hinweg liegt die niedrigste Sterblichkeitsrate (Frankreich, Italien, Spanien) bei 65 % bis 75 % des EU-Durchschnitts, die höchste (Bulgarien, Ungarn, Rumänien) bei 160 % bis 180 %. Folglich beträgt die höchste Sterblichkeitsrate in einem einzelnen Mitgliedstaat das 2,2-Fache bis 2,7-Fache der niedrigsten – das ist zwar immer noch ein großer Unterschied, aber ein deutlich kleinerer als bei der männlichen Bevölkerung.

Auffällig sind auch hier wieder die Daten für Frankreich: Mit 85,6 Jahren haben französische Frauen die zweithöchste Lebenserwartung in der EU. Die Sterblichkeitsraten ab einem Alter von 65 Jahren sind niedrig und ab einem Alter von 75 Jahren sogar die niedrigsten in der EU. Andererseits ist die Sterblichkeit französischer Frauen bis zum Alter von 50 Jahren aber geringfügig höher als im EU-Durchschnitt.

Es lässt sich nicht übersehen, dass innerhalb der EU massive Sterblichkeitsunterschiede bestehen, und zwar auch dann, wenn man ausschließlich Länder mit mehr als fünf Millionen Einwohnern in die Analyse einbezieht. Es zeigt sich, dass die Lebenserwartung keinen guten Maßstab für die Sterblichkeitsraten in jenen Altersgruppen abgibt, die für gewöhnlich bei Risikolebensversicherungen gedeckt werden. Zur Erklärung der Unterschiede in den Niveaus und den Verläufen der Sterblichkeit innerhalb der EU bedarf es weiterer Untersuchungen, aber es gibt gute Gründe zu vermuten, dass Faktoren wie etwa Gesundheitsvorsorge, Lebensweise, Ernährung und Unfallverhütung eine wichtige Rolle spielen.

Bei derart großen Sterblichkeitsunterschieden zwischen den einzelnen Ländern eine Risikolebensversicherung mit Einheitsprämie anzubieten, wäre für die Versicherer mit einem immensen Risiko der Fehlkalkulation verbunden. Der Vorschlag aus dem Grünbuch, Risikolebensversicherungen in allen Mitgliedstaaten zu identischen Prämien anzubieten, ist daher abzulehnen.

Endnoten
  1. Green Paper on retail financial services – better products, more choice, and greater opportunities for consumers and business, European Commission, COM(2015) 630 final, Brussels, December 2015, available at:
    http://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=COM:2015:630:FIN.
  2. http://ec.europa.eu/eurostat/data/database.

 

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