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Perspective

Risiko „Depression“ – ein Plädoyer für eine gerechte Risikobewertung

November 26, 2015| Von Dr. Chris Ball | Life | Deutsch | English

Die Veröffentlichung der fünften Auflage des „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen), das von der American Psychiatric Association herausgegeben wird, hat zu einem Aufschrei unter Experten geführt. Viele haben den Eindruck, dass dieser neue Leitfaden alltägliche Probleme als psychische Störungen abstempelt.1  Die vorgenommenen Änderungen erschweren insbesondere die Risikobewertung im Fall einer „Depression“ – ein Begriff, der von der Öffentlichkeit, den Medien und den Medizinern unterschiedlich ausgelegt wird. Dies erfordert ein einheitliches Vorgehen bei der Risikobewertung der Versicherer.

Eine schwere Depression beinhaltet immer eine gedrückte Stimmung, einen Mangel an Lebensfreude, negative Gedanken und Antriebslosigkeit, was dazu führt, dass Betroffene im gesellschaftlichen und beruflichen Leben weniger leistungsfähig sind. Begleitet werden diese Symptome von Schlafstörungen, Appetitschwankungen und bei einigen Menschen auch von Wahnvorstellungen und Halluzinationen.

Menschen, die an einer leichten Depression leiden, haben ähnliche Symptome, die jedoch weit weniger intensiv ausgeprägt sind. Ihre Stimmung ist reagibler. Sie empfinden durchaus noch Freude und leiden auch nicht in dem Maß an Appetitlosigkeit, wachen aber nachts häufig auf. Entscheidend ist jedoch, dass eine leichte Depression die gesellschaftliche und berufliche Leistungsfähigkeit des Betroffenen nicht wesentlich einschränkt.

Allgemeinmediziner sehen viele Patienten mit Stimmungsschwankungen, Ängsten, Müdigkeit und Reizbarkeit. Ein leichtes Stimmungstief ist häufig das Ergebnis einer konkreten Veränderung der Lebensumstände, etwa in der Partnerschaft, im Beruf oder in Bezug auf die Wohnsituation. In diesen Fällen verbessert sich die Stimmung des Betroffenen wieder, sobald eine Lösung für das Problem gefunden ist.

Ob ein solcher mentaler Zustand medizinisch behandelt wird und somit in medizinischen Statistiken auftaucht, hängt in erster Linie davon ab, ob der Betroffene sich selbst als „krank“ bezeichnen würde und der behandelnde Arzt diese Einschätzung bestätigt.

Diese verschiedenen Ausprägungen und Schweregrade einer Störung gehen mit unterschiedlichem Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko einher. Sie werden aber alle der Kategorie „Depression“ zugeordnet, was bei Risikoprüfern eine ähnliche Reaktion zur Bewertung auslöst. Obwohl die beschriebenen Befindlichkeiten mit einem vollkommen unterschiedlichen Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko verbunden sind, könnten sie allesamt als „Depression“ klassifiziert und somit von Risikoprüfern ähnlich bewertet werden.

Der Suizid ist nach wie vor die Hauptursache für die erhöhte Mortalität bei schwerer Depression (lesen Sie dazu unseren Blog über Suizid in Australien). Trotz eines seit Anfang des Jahrhunderts erheblichen Rückgangs in vielen Teilen der Welt – mit Ausnahme der USA – bleiben die Zahlen hoch. Der Rückgang wurde auch durch die Wirtschaftskrise nur teilweise umgekehrt.Das größte Risiko tragen Menschen, die ins Krankenhaus eingewiesen wurden, weil sie sich – insbesondere durch gewaltsame Maßnahmen – selbst Verletzungen zugefügt haben.3 Über viele Jahre hinweg flossen ausschließlich die Ergebnisse dieser Gruppe in die Statistiken ein, sodass große Versicherer bei der Diagnose „Depression“ grundsätzlich hohe Zusatzprämien verlangten.

Seit Anfang 2000 ist diese Wahrnehmung zunehmend differenzierter geworden, und inzwischen gibt es eine hierarchische Abstufung, die von schwer depressiven Menschen mit sehr hohem Suizidrisiko bis hin zu denjenigen reicht, die infolge bestimmter Lebensumstände „depressiv“ geworden sind, jedoch kein höheres Suizidrisiko haben als der Rest der Bevölkerung.4

Es gibt nur eine vergleichsweise geringe Menge an Daten zu Suizidfällen bei Versicherten. Dennoch hält sich unter Versicherern hartnäckig die Ansicht, dass ein Leistungsanspruch durch Suizid gewissermaßen auf eine falsche Risikobewertung zurückzuführen sei. Eine aktuelle Studie zu solchen Ansprüchen ergab jedoch, dass in 90 % der Suizidfälle zum Zeitpunkt der Risikoprüfung keinerlei Anzeichen für ein Suizidrisiko vorgelegen haben und das Risiko von Versicherten mit psychischen Störungen häufig ungerechtfertigt hoch eingeschätzt wird.5

Auch die sog. Suizidklausel ist weiterhin umstritten. Mit dieser Klausel wird in Versicherungsverträgen häufig eine Wartezeit festgelegt, die erst erfüllt sein muss, bevor im Suizidfall die volle Versicherungssumme ausgezahlt wird. Diese Frist liegt in Australien in der Regel bei 12 bis 13 Monaten, in den USA bei 24 Monaten und in Großbritannien bei 12 Monaten. Mit dieser Klausel können sich Versicherer also bis zu zwei Jahre davor schützen, dass ein Versicherungsnehmer einen Vertrag allein in der Absicht abschließt, Suizid zu begehen, um dadurch die finanzielle Situation seiner Familie oder des eigenen Betriebs zu verbessern. Die Schadenfeststellung bleibt dennoch schwierig, da Coronerhäufig davor zurückschrecken, Suizid als Todesursache anzugeben.

Der deutliche Anstieg von Leistungsansprüchen durch Suizid kurz nach Ablauf der vereinbarten Wartezeit setzt in manchen Ländern möglicherweise eine Diskussion über die Notwendigkeit eines generellen Leistungsausschlusses bei Suizid in Gang.Allerdings ist nicht nachvollziehbar, warum ein Versicherter, der erst zu einem späteren Zeitpunkt nach Vertragsabschluss eine schwere Depression ausbildet, die zum Suizid führt, im Schadensfall anders behandelt werden sollte als jemand, der tödlich an Krebs erkrankt oder einem Herzinfarkt erliegt.

Eine klare Strategie für eine angemessene Risikoprüfung im Einzelfall kann vor einer drakonischen Risikobewertung oder einem Leistungsausschluss bei der Diagnose „Depression“ bewahren. Die Bereitstellung von Mitteln zur Datenerfassung für die Bewertung der Schwere einer Depression, ihrer Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des Betroffenen sowie der Behandlung und Begleiterkrankungen könnte eine solide Risikostratifikation ermöglichen. Dies käme nicht nur der Versicherungswirtschaft, sondern auch der wachsenden Zahl von Menschen zugute, bei denen zwar eine „Depression“ diagnostiziert wurde, deren Mortalitätsrisiko jedoch nicht höher liegt als das der Allgemeinbevölkerung.

Endnoten
  1. BMJ 2013;346:f3256 doi: 10.1136/bmj.f3256 (published 22 May 2013).
  2. BMJ 2013;347:f5239 doi: 10.1136/bmj.f5239 (published 17 September 2013).
  3. J Clin Psychiatry dx.doi.org/10.4088/JCP.14m09453.
  4. Ball, CJ (2008) “Depression and Suicide Risk,” Risk Insights, Gen Re.
  5. www.insurancegateway.co.za/download/10145.
  6. Der Beitrag bezieht sich auf die Situation im anglo-amerikanischen Raum, daher wurde dieser Begriff nicht übersetzt.
  7. http://www.lifehealthinsurancenews.com.au/international/rising-suicide-rates-worry-insurers-rga.

 

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