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Perspective

Wie mit Langlebigkeit umgehen?

August 21, 2018| Von Dr. Winfried Heinen | Life | Deutsch | English

In fast allen Ländern der Welt führt rückläufige Sterblichkeit zu steigender Lebenserwartung. Gleichzeitig überwiegen stagnierende bzw. fallende Geburtenraten. Im Ergebnis wächst die ältere Generation, während die Zahl junger Menschen im erwerbsfähigen Alter jedenfalls in den Industrieländern bestenfalls stabil bleibt, teilweise aber auch abnimmt.

Der somit steigende Trend im Altenquotienten - dem Verhältnis der Anzahl der Personen im Rentenalter zur Anzahl von Personen im Erwerbstätigenalter - wirft für Politik und Gesellschaft fundamentale Fragen auf: Wie können wir in Zukunft in einer für alle gerechten Weise für Ruheständler sorgen? Welches Rentensystem ist für den tiefgreifenden demografischen Wandel am besten geeignet?

Bevölkerungsprojektionen mit dem Kohorten-Komponenten-Modell, bei dem die Entwicklung der Bevölkerung nach Alter und Geschlecht unter Annahmen über die Sterblichkeit, Geburtenrate und Migration prognostiziert wird, ermöglichen die Quantifizierung der o. g. Entwicklung und ein verbessertes Verständnis der treibenden Faktoren.

Für Deutschland zeigen solche Bevölkerungsprojektionen der Gen Re, dass bei konstanter Sterblichkeitsentwicklung, Geburtenrate und Migration der Altenquotient von ca. 1:3 (d. h. ein Rentner auf drei Erwerbstätige) in 40 Jahren auf 1:2 ansteigen wird. In anderen untersuchten Ländern ist das Bild ähnlich, wenn auch teilweise mit einem niedrigeren (USA, UK) bzw. höheren (Japan) anfänglichen Altenquotienten.

Wie kann man dieser Entwicklung entgegensteuern?

Sensitivitätsbetrachtungen mit veränderten Modellparametern ergeben bei einer sofortigen Erhöhung der Geburtenrate um 50 % nur geringe Effekte, die darüber hinaus mit einer Verzögerung von fast 20 Jahren wirken, wenn die zusätzlich geborenen Kinder das erwerbsfähige Alter erreichen.

Eine Erhöhung der (Im-)Migration wirkt schneller, aber auch nur relativ schwach: Selbst ein Anstieg der Migration um 50 % gegenüber dem Mittel der letzten 3 Jahre senkt den Altenquotienten in 40 Jahren nur leicht unter das Vergleichsniveau von 1:2. Umgekehrt hätte eine Reduktion der Migration auf 0 verheerende Auswirkungen: Der Altenquotient stiege auf 2:3.

Longevity

Als nachhaltig wirksam erweist sich im Modell nur eine Maßnahme: die Erhöhung des Renteneintrittsalters, z. B. auf 70 Jahre. Diese würde in der Tat zu einer Stabilisierung des Altenquotienten knapp über dem heutigen Niveau führen.

Ein solcher Schritt wäre alles andere als populär. Die Alternativen - Renten senken und/oder Rentenbeiträge erhöhen - sind es allerdings auch nicht.

Ein rein umlagefinanziertes Rentensystem ist also unter den künftigen demografischen Rahmenbedingungen nicht dauerhaft finanzierbar und muss um ein kapitalgedecktes Element ergänzt werden. Auch dies birgt allerdings Risiken: Wenn Renten vollständig an den Finanzmarkt gebunden sind, kann ein Crash wie 2008 schwerwiegende Folgen für Rentner haben.

Zudem ergeben sich dann politische Risiken: Große Kapitalstöcke regen den Appetit von Regierungen an. Ein mahnendes Beispiel ist Argentinien, wo 2008 die privat organisierte, kapitalgedeckte Rentenversicherung enteignet wurde.

Vieles spricht daher für das von der Weltbank empfohlene Mehrsäulenmodell, eine Kombination aus Mindestrente, öffentlichem Umlageverfahren und privat organisierter Kapitaldeckung, mit einem verpflichtenden Element in einer der privaten Säulen.

Am besten umgesetzt haben dieses Konzept - lt. dem Melbourne Mercer Global Pension Index - Dänemark, die Niederlande und Australien. Deutschland findet sich dagegen nur im Mittelfeld, vor allem wegen der mangelnden Nachhaltigkeit des Systems.

Bei der dringend notwendigen Stärkung der Kapitaldeckung spielt die Lebensversicherungsbranche eine umso wichtigere Rolle.

Die Lebensversicherung zeichnet sich durch ihren einzigartigen kollektiven Ansatz sowohl bei biometrischen als auch bei Anlagenrisiken aus. Er ist es, der es ihr erlaubt, Langlebigkeitsrisiken zu übernehmen und gleichzeitig Volatilität in der Kapitalanlage abzupuffern. Und er ist es somit, der die Stabilität erzeugt, die für die Altersversorgung unabdingbar ist.

Als Branche und als Berufsstand weisen wir nicht häufig genug auf dieses Alleinstellungsmerkmal hin - was wir jedoch tun sollten. Die Politik muss auf den demografischen Wandel schnell reagieren und dafür sorgen, dass unser Rentensystem diesem Wandel gewachsen ist. Zeigen wir ihr, welchen Beitrag wir dazu leisten können!

Dies ist eine Zusammenfassung meines Vortrags während des Weltkongresses der Aktuare im Juni 2018 in Berlin. Der Beitrag wurde ebenfalls in der Sonderausgabe des “Aktuar Aktuell” veröffentlicht.

 

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