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Perspective

Kopfverletzungen im Sport – erschütternde Auswirkungen auch für Versicherer in Europa?

February 15, 2016| Von Emmanuel Brouquier | P/C General Industry | Deutsch | Français | English

Region: Europe

Im US-Kinofilm Concussion (deutscher Titel: Erschütternde Wahrheit) spielt Will Smith einen Gerichtsmediziner, der es mit der National Football League (NFL) in den USA aufnimmt, da diese versucht, seine Nachforschungen über erlittene Kopfverletzungen von US-amerikanischen Football-Profispielern zu verhindern. Der Film behandelt die derzeitige Diskussion über Gehirnerschütterungen (concussions) – eine der am häufigsten auftretenden Kopfverletzungen im Sport.

Genau wie der Film, der mittlerweile auch in europäischen Kinos zu sehen ist, hat die Debatte über Gehirnerschütterungen nun auch Europa erreicht. Dieser Beitrag konzentriert sich auf die Situation in Frankreich und beleuchtet neben dem Sachstand die bislang getroffenen Vorbeugemaßnahmen und die Frage, wen eine etwaige Haftung treffen könnte.

Richtlinien für die Beurteilung von Kopfverletzungen 

  • Alle Anzeichen oder Symptome für eine Gehirnerschütterung müssen dazu führen, dass der Spieler sofort und dauerhaft aus dem Spiel genommen wird.
  • Falls die Anzeichen oder Symptome für eine Gehirnerschütterung unklar sind, kann ein Spieler aus dem Spiel genommen werden, um eine entsprechende Untersuchung außerhalb des Spielfelds durchzuführen; wird hierbei keine Gehirnerschütterung diagnostiziert, wird zumindest die Prüfung eines Verdachts einer Gehirnerschütterung festgehalten.
  • Jeder Spieler, der einer derartigen Untersuchung (unabhängig vom Ergebnis) unterzogen wird, muss sich einer weiteren medizinisch-klinischen Untersuchung, gestützt auf das SCAT 3-Verfahren, unmittelbar nach dem Spiel und sodann noch einmal nach 36 bis 48 Stunden unterziehen – in diesem Zeitraum hat dann die Diagnose zu erfolgen.
  • Jeder Spieler mit einer Gehirnerschütterung unterliegt einem überwachten schrittweisen Verfahren, damit eine risikolose Rückkehr zum Spiel sichergestellt werden kann.

 

Quelle: http://www.worldrugby.org/news/70796.

Einige Sportarten sind extrem körperbetont geworden. Viele Beobachter haben einen Anstieg von Schädel-Hirn-Traumata festgestellt. Während der 3. Internationalen Konferenz zu Gehirnerschütterungen im Sport, die bereits 2008 in Zürich stattfand, wurde der Begriff Gehirnerschütterung definiert „als ein komplexer physiopathologischer Prozess, der – ausgelöst durch traumatische biomechanische Krafteinwirkung – das Gehirn in Mitleidenschaft zieht”.1 Mehrere Forscher haben nachgewiesen, dass Gehirnerschütterungen „durch einen Schlag gegen den Kopf, das Gesicht oder das Genick oder auch gegen andere Körperteile, bei denen sich die Krafteinwirkung auf den Kopf überträgt” verursacht werden können. Jedoch konnte nicht nachgewiesen werden, dass wiederholte Gehirnerschütterungen eine chronische traumatische Enzephalopathie (degenerative Gehirnerkrankung, die erst nach dem Tod durch eine Obduktion festgestellt werden kann) hervorrufen. Die entscheidende Frage, ob es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Gehirnerschütterungen und neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson gibt, konnte noch nicht beantwortet werden.

Seit mehr als einem Jahrzehnt haben Millionen von Zuschauern vermehrt schwere Stürze und Unfälle von Sportlern bei Live-Sportberichterstattungen im Fernsehen miterlebt. Viele auch in Europa populäre Sportarten, wie Rugby, Fußball, Radrennen, Boxen und andere Kampfsportarten, sind mit der Gefahr von Stürzen verbunden. Dieses Risiko hat sich auch durch die Zunahme der veranstalteten Wettkämpfe verschärft.

2012 legte der Internationale Rugby-Verband Richtlinien für die Feststellung solcher traumatischer Verletzungen (Head Injury Assessment Protocol) fest, um Spieler zu schützen, die während eines Spiels Gehirnerschütterungen erleiden. Diese Richtlinien wurden 2014 bestätigt und im August 2015 verabschiedet.2 Der Weltverband richtete zudem eine Concussion-Seite auf seiner Website ein, auf der Vorbeugemaßnahmen und medizinische Ratschläge gegeben werden.3 Die Tatsache, dass diese Informationen in acht Sprachen vorliegen, veranschaulicht die Bedeutung dieses Themas.

Viele Internetquellen erläutern das Verhalten bei und den Umgang mit Gehirnerschütterungen sowie deren Vermeidbarkeit in Videos, die auch Informationen zur Feststellung von Gehirnerschütterungen und über geeignete Ausrüstung liefern. Derzeit gibt es keinen klaren Beweis dafür, dass sich Gehirnerschütterungen durch die zurzeit verwendete Schutzausrüstung verhindern lassen.

In Frankreich weist einer der führenden Neurologen, Dr. Jean François Chermann, in mehreren Artikeln darauf hin, dass es wichtig ist, das Gehirn nach dem Tod eines Spielers zu untersuchen, um einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Sportverletzungen und Schädel-Hirn-Traumata herzustellen.4 Chermann zufolge wären in manchen Fällen die Erkrankungen ggf. auch ohne die Verletzungen (Gehirnerschütterungen) eingetreten, doch die erlittenen Verletzungen könnten diese früher ausgelöst haben. Die Tatsache, dass auch andere Faktoren wie Drogen- oder Alkoholkonsum und andere Krankheiten zur Entstehung von Gehirnerkrankungen beitragen können, wird in neueren Veröffentlichungen allerdings selten erwähnt.

In den USA haben zahlreiche ehemalige NFL-Spieler verfügt, ihren Leichnam der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen, um die Gehirnerkrankung diagnostizieren zu können.

Nach französischem Recht könnte sich die Haftung

  • für einen bestimmten Unfall während eines Spiels oder Trainings aus Art. 1384 Abs. 1 CC,
  • eines Sportoffiziellen (verantwortlichen Funktionärs) eines Sportvereins oder Verbands aus Art. 1384 Absatz 5 CC ergeben.

 

Die Haftung eines Sportvereins besteht nach dem Zivilgesetzbuch (Code civile, CC) nur in folgenden Fällen:

  • der Unfall beruht auf einem bestimmten Ereignis,
  • der Unfall kann einem der Spieler zugerechnet werden (selbst wenn sich der verantwortliche Spieler nicht genau identifizieren lässt),
  • es wurde gegen eine Spielregel verstoßen.

 

Die genannten Bestimmungen gelten auch für folgende andere Fälle:

  • ein Arzt oder Schiedsrichter folgt nicht den festgelegten Richtlinien,
  • ein Schiedsrichter unterbricht das Spiel nicht, wenn ein Spieler eine traumatische Kopfverletzung (Gehirnerschütterung) erleidet, oder ein Trainer wechselt einen solchen Spieler nicht aus.

In den beiden vorgenannten Fällen könnte eine entsprechende Versicherung des Sportvereins, Verbands oder Arztes greifen.

Bei Vorliegen einer Erkrankung könnten betroffene Spieler geltend machen, dass wiederholte Gehirnerschütterungen oder leichtere Gehirnverletzungen Ursache ihrer Krankheit seien. Jedoch dürfte es schwer fallen, den direkten Kausalzusammenhang zu einem bestimmten Ereignis nachzuweisen, solange die Forscher noch nicht in der Lage sind, die genaue Krankheitsursache bei lebenden Menschen zu ermitteln – und die Gehirnerkrankung erst nach dem Tod festgestellt werden kann.

Ohne Zweifel gilt für Versicherer und Sportler gleichermaßen, dass Prävention immer zum Spiel dazugehört, um die Zahl an Unfällen und ihre Folgen zu verringern.

Endnoten
  1. Consensus Statement on Concussion in Sport: the 3rd International Conference on Concussion in Sport held in Zurich, November 2008, & 4th Conference, 2012.
  2. http://www.worldrugby.org/news/70796.
  3. http://playerwelfare.worldrugby.org/concussion.
  4. Ça devient limite, L’Equipe, April 3, 2013. http://www.lequipe.fr/explore/rugby-jeu-de-massacre/pdf/CHAP00-ARTICLE.pdf.
  5. “Rugby, jeu de massacre”, L’Equipe, December 15, 2013. http://www.lequipe.fr/explore/rugby-jeu-de-massacre/.

 

 

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