Perspective

COVID-19: Hätten wir besser vorbereitet sein können?

June 30, 2020| Von Dr. Jonas Kaiser | Enterprise Risk Management | Deutsch | English

Als Teil der (Rück-)Versicherungsgemeinschaft verstehen wir uns als Risikoexperten. Bisweilen werden wir mit Großschadenereignissen konfrontiert, die unser bisheriges Wissen auf den Prüfstand stellen. Die Serie von Erdbeben in Neuseeland in den Jahren 2010/2011 hat aufgezeigt, dass das Erdbebenrisiko rund um die Stadt Christchurch unterschätzt wurde. 2017 mussten wir nach Hurrikan Harvey feststellen, dass durch Überflutung durchaus höhere Schäden entstehen können als durch Stürme. Daraus zu lernen ist essenziell, um unser Wissen kontinuierlich zu erweitern.

Angesichts der Seltenheit von Pandemien im Vergleich zu den beiden vorgenannten Ereignissen können wir aus der aktuellen Corona-Krise einige Lehren ziehen. Wie bei früheren Großschadenereignissen müssen wir uns selbstkritisch fragen, ob die Auswirkungen dieser Pandemie nicht wenigstens teilweise vorhersehbar waren.

Was kam unerwartet?

Die aktuelle Corona-Pandemie ist als „Naturkatastrophe in Zeitlupe“ bezeichnet worden. Niemand weiß, wann sie endet. Die allgemeinen Auswirkungen auf unsere seelische und körperliche Gesundheit, unseren Beruf, unseren Alltag und die Wirtschaft sowie die potenzielle Schadenlast für die Versicherungswirtschaft sind ebenfalls ungewiss. Auch wenn wir im Laufe der Krise noch einiges dazulernen werden, können wir uns schon jetzt ein paar wesentliche Dinge vor Augen führen:

  • Weltweite Pandemien sind nichts Ungewöhnliches. Ein Ereignis von diesem Ausmaß kann alle 20 bis 50 Jahre vorkommen, sodass es unabhängig von der aktuellen Situation wahrscheinlich ist, dass eine solche Situation im Laufe unseres Lebens irgendwann auftritt.
  • Bei der aktuellen Pandemie handelt es sich auch nicht um ein Worst-Case-Ereignis, da die Sterblichkeit vor allem bei Kindern und Menschen im jungen und mittleren Erwachsenenalter im Vergleich zu früheren Pandemien gering ist.
  • Eine Pandemie ist sicherlich kein „schwarzer Schwan“ - also kein Ereignis, das uns vollkommen unerwartet trifft und auf das wir uns nicht hätten vorbereiten können. Sie ist vielmehr ein „weißer Schwan“, was nach der ebenso präzisen wie schonungslosen Analyse von Nassim Nicholas Taleb bedeutet, dass es für Regierungen und Unternehmen schlichtweg keine Entschuldigung dafür gibt, nicht vorbereitet gewesen zu sein.1

Auch wir als Versicherungsbranche müssen uns die Frage stellen, ob wir ausreichend vorbereitet waren oder ob wir die Auswirkungen einer Pandemie falsch eingeschätzt haben. Ich persönlich würde sagen, dass Letzteres zutrifft, und dabei schließe ich mich selbst mit ein. Mittlerweile habe ich den Eindruck, dass viele in der Branche diesen Eindruck/Einschätzung/Wahrnehmung teilen. Weder ein Restaurantbetreiber noch ein Lehrer muss in der Lage sein, solche Risiken intuitiv zu erfassen - diejenigen jedoch, die wie wir beruflich mit Risiken zu tun haben, allerdings schon.

Welche Erkenntnisse haben wir mittlerweile gewonnen?

Ich bin von jeher im Schaden/Unfall-Bereich der Rückversicherung tätig. Eine Pandemie fiel für mich bisher in den Zuständigkeitsbereich der Kollegen aus der Lebens- und Krankenversicherung. Mir war zwar das (nicht unerhebliche) Risiko einer Pandemie bewusst, und mir war auch klar, dass die Folgen eines solchen Ereignisses Übersterblichkeit und der Zusammenbruch unserer Gesundheitssysteme sein könnten. Ich wusste, dass eine Pandemie schwere Auswirkungen auf die Wirtschaft haben könnte und dass Schulen, Geschäfte und Restaurants während eines Ausbruchs geschlossen werden könnten - wie es bereits in der Vergangenheit geschehen ist. Ich hatte jedoch nicht damit gerechnet, dass diese Betriebe und Einrichtungen präventiv und flächendeckend geschlossen werden würden. Zudem liegen uns eine Vielzahl von Daten vor, die belegen, dass die Bevölkerung soziale Kontakte und die Bewegung in der Öffentlichkeit schon Tage oder sogar Wochen vor Einführung der behördlichen Regeln eingeschränkt hatte. Man kann darüber diskutieren, inwieweit man uns tatsächlich vorschreiben musste, zu Hause zu bleiben, oder ob wir nicht sowieso die Öffentlichkeit gemieden hätten. Ebenso wird auch nach Aufhebung der (angeordneten) Einschränkungen nicht plötzlich wieder Normalität einkehren. Das Wirtschaftsleben bleibt vielmehr so lange eingeschränkt, wie wir uns - vernünftigerweise - weiterhin anders verhalten als vor Corona.

Im Nachhinein erscheint all das sehr einfach und logisch. Pandemien haben das öffentliche Leben schon seit jeher beeinträchtigt und Quarantänemaßnahmen und Kontaktbeschränkungen gibt es seit Jahrhunderten. Einige Beschreibungen früherer Pandemien kommen uns mittlerweile erstaunlich vertraut vor.2 Allerdings warten wir heutzutage nicht einfach, bis die Krankheit uns und unser direktes Umfeld unmittelbar betrifft. Nie zuvor hatten wir besseren Zugriff auf weltweite Informationen, die wir nutzen, um frühzeitig Gegenmaßnahmen zu ergreifen und unser Verhalten zu ändern. Die Einschränkung sozialer Kontakte führt zur Absage von Großveranstaltungen bis hin zu Geschäftsschließungen und anderen Maßnahmen. Dies erscheint schlüssig und hätte uns im Grunde genommen nicht überraschen dürfen - doch genau das ist passiert.

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Ein branchenweiter blinder Fleck?

Dass eine Pandemie wirtschaftliche Folgen hat, war klar, jedoch wurden diese offensichtlich enorm unterschätzt. Dies galt sogar noch Mitte März 2020: Auch wenn sich Deutschland hinsichtlich der Infektions- und Sterbezahlen in einer besseren Lage befindet als damals befürchtet, fällt die aktuelle Prognose der wirtschaftlichen Auswirkungen negativer aus als zunächst angenommen.3

Im Risikomanagement bei Versicherern werden Pandemien in der Regel als Underwriting-Risiko in der Lebens- und Krankenversicherung behandelt. Die wirtschaftlichen Folgen der aktuellen Corona-Krise wirken sich jedoch in erheblicher Weise auf die Aktivseite der Bilanzen von Versicherern aus. Fest steht außerdem, dass der Nichtlebensversicherung erhebliche Schäden entstehen werden, sodass diese wahrscheinlich stärker belastet sein wird als der Bereich Leben/Kranken.

Bei der Modellierung von Pandemien gehen wir in erster Linie von einem Übersterblichkeitsrisiko mit potenziellen langfristigen Folgen für die Wirtschaft aus. In der Corona-Krise konnte die Übersterblichkeit aufgrund der weitreichenden Kontaktbeschränkungen und Sicherheitsmaßnahmen bis hin zum Lockdown jedoch eingedämmt werden. Dafür trat der wirtschaftliche Schaden viel schneller ein und fiel zudem deutlich schwerer aus als erwartet.

Wenn wir uns die Standardformel ansehen, die nach Solvency II zur Berechnung der Kapitalanforderungen für Versicherungsunternehmen auf dem europäischen Markt herangezogen wird, stellen wir fest, dass Schäden durch eine Pandemie bei der Berechnung des Solvenzkapitals aus Katastrophenrisiko nur in der Lebensversicherung berücksichtigt werden. Die angenommene Korrelation zum Marktrisiko ist gering, die vergangenen Monate haben dagegen eine starke Abhängigkeit offenbart. In der Formel zur Berechnung der Kapitalanforderungen für die Nichtlebensversicherung wird das Pandemierisiko gar nicht berücksichtigt. Wir können also davon ausgehen, dass dieses Risiko als nicht wesentlich genug eingeschätzt wurde.

Die Kapitalkosten im Zusammenhang mit dem Pandemierisiko für die deutsche Lebensversicherungswirtschaft liegen bei ca. 2 Mrd. Euro.4 Dabei ist zu bedenken, dass sich diese Kosten aus einem hypothetischen versicherten Schaden auf dem deutschen Markt ergeben. Die von der Regierung und der Bevölkerung ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung des Sterblichkeitsrisikos führten allerdings gleichzeitig dazu, dass erhebliche, größtenteils unversicherte, wirtschaftliche Schäden entstanden sind. In Deutschland könnte sich der wirtschaftliche Schaden auf ca. 250 Mrd. Euro (BIP ca. 4.000 Mrd Euro, Einbruch um 6,6 %)5 belaufen. Dies zeigt, vor welcher Herausforderung unsere Branche und unsere Gesellschaften künftig stehen: Das Extremereignis, das derzeit bei der Berechnung der Kapitalanforderungen unter Solvency II angenommen wird, ist nur ein Bruchteil der Gesamtschadensumme, die infolge einer Pandemie entstehen kann.

Obwohl sich die Versicherungsbedingungen von Markt zu Markt erheblich unterscheiden, sind präventive Betriebsschließungen in der Nichtlebensversicherung oftmals nicht vorgesehen. So wird vielleicht in Erwägung gezogen, dass ein Standort zeitweise schließen muss, weil ein Mitarbeiter erkrankt ist. Dass Behörden die Schließung eines Unternehmens anordnen, obwohl sich niemand in der Belegschaft infiziert hat, wurde nicht in Betracht gezogen.

Die Nachfrage nach Nichtlebensversicherungsprodukten, die ausdrücklich auch Pandemierisiken abdecken, war bisher sehr gering. Dies könnte darauf hinweisen, dass solche Produkte im Verhältnis zu ihrem angenommenen Nutzen als zu teuer empfunden wurden. Mit wenigen Ausnahmen - besonders das Tennisturnier in Wimbledon, das sich schon seit Jahren gegen Pandemien versichert hat6 - schätzten Versicherungsnehmer das Risiko als nicht hoch genug ein, um den Abschluss einer entsprechenden Versicherung zu rechtfertigen.

Wie ziehen wir die besten Lehren aus der Corona-Krise?

Um unsere Wissenslücken zu schließen, ist es wichtig, die Fachbeiträge von Experten zu lesen und das Gespräch mit ihnen zu suchen. Entscheidend dabei ist, mit den richtigen Leuten zu sprechen, die richtigen Artikel zu lesen und eine offene und ehrliche Debatte anzustoßen. Ein mir bekannter Epidemiologe sagte, dass er damit gerechnet habe, dass wir so reagieren würden, wie wir es getan haben. Es wäre rückblickend besser gewesen, vorher das Gespräch mit ihm zu suchen - wenn schon nicht vor Jahren, so doch wenigstens dann, als sich die Bedrohung abzeichnete.

Eine weitere recht grundlegende Erkenntnis aus der aktuellen Situation ist die, dass alles, was erhebliche Auswirkungen auf unsere Gesellschaft hat und unseren Alltag verändert, unweigerlich auch die Versicherungswirtschaft beeinflusst. Die Corona-Pandemie zeigt uns deutlich, dass unsere Volkswirtschaften und Gesellschaften tatsächlich fragiler sind, als wir annehmen (wollen). Als Risikoexperten müssen wir dies stets im Hinterkopf behalten, wenn wir Pandemien und andere Ereignisse bewerten, die künftig ähnliche oder sogar schwerwiegendere Folgen haben könnten.

Gerne möchte ich mit Ihnen weiter über dieses Thema diskutieren. Bitte senden Sie mir eine E-Mail oder rufen Sie mich an.

Endnoten
  1. https://www.bloomberg.com/news/videos/2020-03-31/nassim-taleb-says-white-swan-coronavirus-pandemic-was-preventable-video
  2. https://www.theguardian.com/books/2020/may/01/the-end-of-coronavirus-what-plague-literature-tells-us-about-our-future
  3. https://www.spiegel.de/wirtschaft/corona-krise-das-wird-ein-zangenangriff-auf-deutschlands-wohlstand-a-eaf27caa-342d-4aca-bcb1-e84b15ca5a2d
  4. Auf Grundlage veröffentlichter Zahlen unter: https://www.gdv.de/resource/blob/49582/83323faa82e7dd8d5185178f4e1a07e1/lebensversicherung-in-zahlen-2019-download-data.pdf und interner Schätzungen.
  5. https://www.dw.com/en/german-economy-to-contract-by-66-in-2020/a-53267616, Artikel vom 28. April 2020.
  6. https://www.insurancejournal.com/news/international/2020/04/13/564598.htm

 

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